Permalink

1

Geschäftsmodell Online-Zeitung – Interview mit einer Gründerin

Die Zukunft des Lokalen ist digital. Es gibt immer mehr Online-Angebote, die genau darauf abzielen und damit recht erfolgreich sind. Wir haben uns mit Renate Gundlach unterhalten. Die ausgebildete Journalistin arbeitete für verschiedene Printmedien in Berlin und Rostock, bis sie mit Geschäftspartnern die lokale Online-Zeitung das-ist-rostock.de gründete. Die Zeitung ist angetreten, um „das Gedächtnis der Stadt zu werden“.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Online-Zeitung zu gründen?

Den Traum, eine eigene Zeitung zu machen, hatte ich schon lange. Im Printbereich ist das ja nicht bezahlbar. Das änderte sich mit der Entwicklung des Internet. Dann war ich in der Elternzeit und wollte nicht mehr festangestellt als Redakteurin arbeiten, sondern mir die Zeit freier einteilen können. Im Herbst 2010 besuchte ich schließlich mit meinem Kollegen Frank Schlößer, der für eine andere Zeitung arbeitete und mit dem ich schon immer etwas zusammen machen wollte, eine Tagung zum Thema „Hyperlokaler Journalismus Online“. Wir lernten dort die Macher der Leipziger Internet-Zeitung kennen. Das war ausschlaggebend. Die Leipziger gaben uns Starthilfe in Form eines passenden Content Management Systems, Tipps und sehr viel Engagement, um unsere Bannerplätze auch gemeinsam zu vermarkten.

Was ist das Anliegen von das-ist-rostock.de und seit wann gibt es die Online-Zeitung?

Wir machen eine seriöse lokale Tageszeitung, die für unsere Leser kostenfrei ist. Wir wollen vor allem auch junge Leute erreichen – ein Leseangebot mit Bildungsauftrag sozusagen. Es soll keine Bezahlschranke geben. Wir denken aber darüber nach, eine freiwillige Bezahlmöglichkeit zu schaffen. Im Mai 2011 sind wir an den Start gegangen.

Wer macht die Online-Zeitung?

Neben Frank Schlößer und mir gehört Tom Maercker zum Gründungsteam. Im Schnitt sind wir sieben Mitarbeiter, die überwiegend ehrenamtlich und mit viel Einsatz arbeiten. Die meisten verdienen ihr Geld mit anderen Aufträgen, eine Kollegin ist im Vorruhestand. Uns alle eint die Idee, dass es weiterhin guten Journalismus geben muss. Im Printbereich sieht es ja leider so aus, dass sich die Verlage tot sparen und sich das auf die journalistische Qualität der Angebote auswirkt.

Haben Sie „aus dem Stand“ oder mit einer Anlaufphase gegründet?

Wir hatten etwa ein halbes Jahr Vorlaufzeit, in dem wir das Layout der Zeitung geplant und umgesetzt sowie Mitstreiter akquiriert haben. Gleichzeitig arbeiteten wir uns in das Content Management System ein. Wir sind mit wenig Startkapital ausgekommen, knapp 1000 Euro, vor allem dank der Unterstützung durch die Leipziger. Rechner, Drucker, Telefon, Kamera hatte jeder von uns schon vorher. An Förderprogrammen haben wir für uns nichts Passendes gefunden. Wir wollten uns keinesfalls verschulden. Zum Glück ging es auch so. Unser Redaktionsbüro ist gleichzeitig die Adresse der Agentur unseres Mit-Geschäftsführers Tom Maercker. Dort finden einmal in der Woche die Redaktionssitzungen statt. Ansonsten arbeiten wir im Home-Office, mailen und telefonieren viel, um uns abzustimmen.

Was war bisher Ihr größter Erfolg?

  • Vom Start weg sind unsere Leserzahlen explodiert, viel mehr als gedacht. In manchen Monaten gewannen wir tausend Leser hinzu. Inzwischen hat sich die Zahl bei gut 20.000 Unique Usern pro Monat eingependelt. Die größte gedruckte Lokalzeitung hat nach eigenen Angaben durchschnittlich 35.000 Abonnenten in Rostock, bei insgesamt circa 200.000 Einwohnern.
  • Uns macht sehr stolz, dass wir als das wahrgenommen werden, was wir sein wollen: eine seriöse Zeitung. Wir halten uns streng an den Pressekodex, berichten kritisch und recherchieren Hintergründe. Das ist leider nicht mehr die Regel. Viele Angebote rutschen immer mehr in Richtung Boulevard ab.
  • Wir sind auch angetreten, um die Rostocker zu bewegen, etwas für ihre Stadt zu tun. Beispielsweise ist es uns dieses Jahr gelungen, einen Frühjahrsputz für den größten Stadtpark in Rostock zu organisieren, an dem dann mehr als 200 Leute teilgenommen haben.
  • Der Presserat aus dem fernen Berlin hat uns angeschrieben, ob wir nicht Mitglied werden wollen. Das heißt für uns, wir werden auch im professionellen Bereich als seriöses lokales Online-Medium wahrgenommen.

Wissen Sie, wer Ihre Leser sind?

Das geht querbeet. Unsere Leserschaft reicht von jung bis alt, vom Studenten über den Gutverdiener bis zum Rentner. Die meisten lesen uns jedoch von Montag bis Freitag, offensichtlich bei der Arbeit. Sie lesen uns am PC, per Tablet oder Mobiltelefon.

Wie läuft das Geschäft?

Leider sind die Einnahmen nicht ausreichend, dass wir alle Mitarbeiter adäquat bezahlen können. Das, was wir einnehmen, stecken wir vor allem in das Redaktionssystem, um es weiter zu entwickeln. Wenn es Überschüsse gibt, werden die an alle Mitarbeiter ausgeschüttet.

Was lief bei der Gründung anders als erwartet?

Online ist natürlich noch ein Experiment. Es gibt kaum Erfahrungswerte und jedes Projekt ist anders. Was wir unterschätzt haben, ist der Vertrieb. Wir dachten, gute Vertriebsleute würden uns die Tür einrennen, zumal sie auf Provisionsbasis sofort Geld verdient hätten. Da haben wir uns getäuscht. Wir hatten erwartet, mit der Zeitung schneller und mehr Einnahmen zu generieren. Aber die Unternehmen sind zögerlich, investieren vor allem noch in die bekannten Printprodukte. Wir wollen langfristig mit gutem Journalismus punkten – und probieren neue Vertriebswege aus wie unseren Bannerkalkulator, an dem jeder von seinem eigenen Rechner aus ein Banner bei uns schalten kann.

Was planen Sie als nächstes?

Wir träumen davon, ein moderiertes Diskussionsforum aufzubauen, in dem alle Kommentare aus verschiedenen Artikeln zu stets denselben Dauerbrennern zusammenlaufen.
Dann wollen wir natürlich gern mehr Leute beschäftigen. Es gibt so viele spannende Themen, die wir nicht oder nicht schnell genug bearbeiten können. Wir würden gern mehr Filme und Podcasts einbinden. Und vielleicht sogar irgendwann wieder ein gutes Printprodukt machen. Für all’ das müssen wir als Erstes unsere Einnahmen erhöhen.

Was würden Sie anderen Online-Gründern empfehlen?

Neben einem ausgefeilteren Vertriebskonzept von Beginn an auf jeden Fall eine Rechtsschutzversicherung. Da wir angetreten sind, um echten kritischen Journalismus zu machen, hat der erste Kontakt mit Rechtsanwälten nicht lange auf sich warten lassen. Zum Glück haben wir eine entsprechende Versicherung und konnten eine gute Kanzlei beauftragen…
Sehr wichtig für uns ist die Vernetzung mit ähnlichen Anbietern, so wie wir es mit Leipzig, den Prenzlauer Berg Nachrichten, Jenapolis und dem Hallelife gemacht haben.

Was sind die Chancen von Online-Zeitungen?

Zuallererst ist das eine sehr preisgünstige Variante, um ein Medium zu gründen: Es entstehen keine Kosten für Papier, Druck, Vertrieb. Vor allem besticht das Medium jedoch mit den Möglichkeiten, die es bietet:

  • Wir sind superaktuell.
  • Ob man 10 Zeilen oder 100 schreibt ist egal – jedes Thema bekommt den Platz, den es braucht.
  • Wir arbeiten multimedial: Neben Text und Bild können wir auch Audio- und Video-Material einbinden, je nachdem, was besser zum Thema passt.
  • Wir können von überall aus arbeiten. Dank Surfstick, Handy & Co kommen wir mittlerweile fast überall ins Netz, einen Anschluss im herkömmlichen Sinne brauchen wir nicht mehr.
  • Der Leser kann sofort und unzensiert kommentieren. Wir greifen nur bei offensichtlichen Verstößen gegen die „Netiquette“ ein.
  • Grandios ist, dass man aktuelle Texte mit vorhergegangenen Berichten verlinken kann. Der Leser kann also zurückblicken und sich in ein Thema einlesen.
  •  
    Mein Kollege Tom Maercker sagt immer: „Wir wollen das Gedächtnis der Stadt werden.“

    Facebooktwittergoogle_plusmail


    Haben Sie Fragen zu unserem Beratungsangebot?

    Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: Telefon: 030 / 893 75 001 E-Mail: info@startbox-berlin.de

    Möchten Sie regelmäßig Wissen für Unternehmen erhalten?

    Dann tragen Sie sich gern in unsere E-Mail-Newsletter-Liste ein.

Autor: Nadja Bungard

Ich mache meine Kunden sichtbar - in der Öffentlichkeit, in den Medien, in Social-Media-Kanälen. Als PR-Beraterin helfe ich Gründern und Unternehmern, sich im Markt klar aufzustellen, dabei strategisch vorzugehen und die richtigen Themen zu setzen. 2011 erschien mein "Praxisleitfaden für zeitgemäße Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" im DIHK Verlag.

1 Kommentar

  1. Ein Rentner, der seine Vorväter in Meck-Po hat, sagt weiterso. Toi TOI für mehr Umsatz und ein großes
    Lob zum redaktionellen Produkt.
    „Ehrenamtlich“ !!!!! Ich denke ich lese nicht richti
    Wahnsinn für diesen Einsatz.

    Wenn unsere Immo-Suche Erfolg hat, dann melden wir uns wieder.Versprochen !!
    Fred Erdmann

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


3 + neunzehn =

Abonnieren Sie meinen Newsletter

Abonnieren Sie meinen Newsletter

Einmal im Monat erhalten Sie Informationen für Existenzgründer.

Vielen Dank! Sie erhalten eine E-Mail zur Bestätigung.