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Gründerstory: Familiencafé Amitola

Ines Pavlou, Amitola Familiencafe Berlin Friedrichshain, Foto privat

Ines Pavlou betreibt seit 2007 das Familiencafé Amitola in Berlin-Friedrichshain, seit 2015 auch einen Laden in Karlshorst. Im Amitola gibt es nicht nur gebrauchte und neue Kleidung und Spielzeug für Kinder, sondern auch Kurse sowie einen Kaffeebetrieb.

Das Besondere bei Amitola ist, dass viele der Mitarbeiter Menschen mit Lernbehinderungen sind, die auf dem normalen Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten. Im Amitola dagegen kommen sie gut an. Dafür hat das Unternehmen auch schon Preise erhalten.

In diesem Blogbeitrag lesen Sie, warum Ines Pavlou Amitola gegründet hat, wie sie ihr Geschäftskonzept entwickelte und welche Stolpersteine sie dabei überwinden musste.

Ines, wie bist Du auf die Idee gekommen, Amitola zu gründen?

Ich war in Elternzeit und wollte mich neu orientieren. Eigentlich bin ich ein schönes Beispiel dafür, dass das Sozialhilfe-System in Deutschland gut funktioniert.

Mit dem Gründungszuschuss habe ich mich aus der Sozialhilfe heraus selbständig gemacht. Das hat gut geklappt, weil ich genau mit dem Betrag alle Ausgaben kalkuliert habe. Aufgrund meiner kaufmännischen Ausbildung ist mir das nicht schwer gefallen.

Das war 2007. Mein Kleiner war da gerade zwei Jahre alt und hat oft im Laden seinen Mittagsschlaf gemacht. Angefangen habe ich mit Second-Hand-Kleidung und neuen Sachen von Berliner Designern. Ich habe immer darauf geachtet, dass das Sortiment stimmt. Dinge, die gut laufen, habe ich aufgestockt. So ist Amitola beispielsweise zu einem Laden mit einer sehr großen Auswahl an Mützen geworden – mehr als in vielen Kaufhäusern.

Wie bist Du auf den Namen gekommen?

Die Namensfindung war schwierig und eine Freundin gab mir den Tipp: Indianische Namen klingen gut…google mal….

Der erste Name war Amitola und hat sich als clevere Entscheidung erwiesen…Mit A steht man meist als Erster in der Reihe. Es heisst Regenbogen und so bunt ist auch unser Programm und unser Personal… Passt also… Wir machen Familienleben bunter!

Was war der entscheidende Moment, an dem Du gesagt hast: Jetzt gründe ich!

Ich komme ja aus dem Einzelhandel und zu der Zeit gab es keine Jobs mit passenden Arbeitszeiten. Mit Kind braucht man Flexibilität und die hatte ich in der Selbständigkeit.
Außerdem bin ich ein ehrgeiziger Widder und hatte meine Ideen. Ich brauche immer ein bißchen mehr, wollte mich auch sozial engagieren, etwas bewegen.

Also habe ich den Laden aufgebaut. Das hat so gut funktioniert, dass ich schon 2009 in einen größeren Laden ziehen konnte.

Ines Pavlou Amitola Familiencafe Berlin Friedrichshain, Foto privat

Ines Pavlou mit Mitarbeitern im Amitola Familiencafe Berlin Friedrichshain, Foto: privat

Von Anfang an habe ich auf Inklusion gesetzt. Das ist mit dem Umzug in den größeren Laden entstanden. Eine Praktikantin fragte mich, ob ich sie zur Kauffrau im Einzelhandel ausbilden würde. Nach Rücksprache mit der IHK benötigte ich lediglich eine 3tägige Qualifizierung und die erledigte ich sehr schnell. Dazu kam noch eine Anfrage für einen schwerbehinderten jungen Mann, dem ich auch zustimmte. Malte ist noch heute bei uns.

Daraus haben sich langfristige Kooperationen mit den Trägern KIDS & CO g.e.V. und BIS e.V. entwickelt. Inzwischen habe ich immer drei bis sechs Auszubildende mit Lernschwäche oder einer anderen Behinderung in den Läden. Zwei von ihnen werde ich zum Sommer nach beendeter Ausbildung in Teilzeit übernehmen.

Sie müssen hier zwar viel arbeiten, aber ich habe keine Abbrüche. Es ist wichtig, wie ich mit den Jugendlichen rede und sie motiviere, damit sie mitarbeiten. Dann ist für sie arbeiten besser als mit Hartz IV zu Hause zu sitzen.

Welche Herausforderungen musstest Du meistern, um zu gründen?

Das Organisieren von Familienleben und Selbständigkeit war nicht einfach…
Oft hat die Oma meinen Sohn abgeholt oder mein Partner hat sich um ihn gekümmert.

Die Idee mit dem Café kam zwar sofort dazu – aber der Kaffeebetrieb ist mir fast auf Füsse gefallen. Ich habe den Aufwand unterschätzt! Ich brauchte mehr Personal und hatte viel mehr Reinigungskosten. Da blieb fast nichts übrig!

Der Laden war da ganz wichtig fürs Überleben. Leider bringen die Kunden in der Regel nicht genug Second-Hand-Kleidung. Also bin ich am Wochenende oft auf Flohmärkten unterwegs und kaufe ein, keine Billigware. Ich lege wert auf Marken. Das sind dann Sachen wie Schuhe, Fahrradsitze und Hochstühle. Inzwischen laufen Laden und Café gut aufeinander abgestimmt.

Amitola Familiencafe Berlin Friedrichshain, Foto privat

Blick ins Amitola Familiencafe Berlin Friedrichshain, Foto: privat

Die Kurse für Eltern und Kinder ergänzen das Angebot sehr schön. Die Kursleiter mieten sich hier selbst ein. Wenn ich für eigene Kurse noch Akquise machen müsste – das würde ich gar nicht schaffen! So machen die Kursleiter Werbung für sich und am Ende natürlich für das Amitola gleich mit. Beispielsweise sind Gitarrenlehrer aus ganz Berlin hergekommen, um hier einen Kurs zu besuchen und haben dadurch den Laden kennengelernt!

Welche Schwächen musstest und musst Du überwinden?

Geldengpässe machten mir oft große Sorgen. Aber es hat sich gelohnt durchzuhalten. Die Familie, vor allem meine Mutter, halfen mir. Zum Glück hat sich die Lage inzwischen stabilisiert und ich finanziere nur mein Auto. Alles andere ist bezahlt. Ich will keinen schweren Rucksack wie einen Kredit mit mir herumschleppen.

Es ist auch nicht schön, sich von Personal zu trennen. Im ersten Moment ist es unangenehm und erweist sich dann oft als gute Entscheidung.

Meine Erfahrung ist, dass ich streng sein muss: zu mir, zu meinen Mitarbeitern und zu den Kunden. Es gibt Regeln, an die sich alle halten müssen. Wenn Kunden ihre Stullenpakete mit ins Café bringen – das geht gar nicht!

Aktuell bin ich froh, eine neue unternehmerische Entscheidung getroffen zu haben: Der Kaffeebetrieb ist jetzt nur noch an 5 Tagen in der Woche geöffnet. An den Sonntagen und Montagen bleibt die Küche zu. Das entspannt alle – das Team und mich.

Zur Zeit arbeiten zwei Mitarbeiter in der Küche: eine Köchin und eine Bäckerin. Denn ich muss ja die Menschen dafür einsetzen, was sie am allerbesten können. Die Köchin war vom Backen immer gestresst. Jetzt übernimmt das eine unserer kreativen Kursleiterinnen. Sie macht das gerne und gut und der Kuchen schmeckt fantastisch! (Donauwelle mit vieeel Schokolade!)

Wenn es eng wird, schmeissen die Lehrlinge im zweiten Lehrjahr den Laden in Karlshorst auch mal allein. Das machen die gern. Sie tragen Verantwortung und müssen viel wissen:

  • Wie die Kasse funktioniert,
  • wie Stornos funktionieren,
  • müssen merken, was fehlt.

Und wenn sie nicht so viel zu tun haben, können sie auch ihre Nachhilfe-Stunden da machen. Denn jeder von den Auszubildenden mit Lernbehinderung hat einen Helfer von der Arbeitsagentur, mit denen sie sich regelmäßig treffen.

Wer hat Dich unterstützt und was hat Dich motiviert?

Meine Familie stand immer hinter mir und meine Kinder haben mich motiviert. Wenn ich mal zu Hause bleiben musste, hat eine Freundin den Laden gemacht.

Hat Dich etwas behindert oder blockiert?

Nein, mich hat nichts behindert oder blockiert.

Was war die größte Schwierigkeit?

Der Umzug 2009 in einen größeren Laden stellte mich wie oben beschrieben vor große Schwierigkeiten: finanziell und personell und auch mit dem Eigentümer war es nicht einfach.

Wie hast Du die gemeistert?

Mit Geduld und Spucke wie man so schön sagt und durch die Unterstützung meiner Familie und von Freunden.

Was hat sich dann geändert und entscheidend verbessert?

Ich habe jetzt mehr Freizeit, da ich gutes Personal beschäftige und das ist am wichtigsten.

Was ist Dein bisher wichtigster Erfolg?

Mein größter Erfolg ist, dass ich noch da bin und durch mein zusätzliches soziales Engagement viel Anerkennung bekomme! Beispielsweise hat Amitola als eines von drei Unternehmen 2015 den Berliner Inklusionspreis erhalten und 2017 den Lichtenberger Inklusionspreis. 2016 waren wir Berlins bester Ausbildungsbetrieb. Darauf bin ich sehr stolz. Aktuell arbeite ich noch daran, dass das von meinen Kunden noch besser gesehen wird.

Was hast Du daraus für die Zukunft gelernt?

Ich mache einfach weiter so, bleibe am Ball und halte die Augen offen. Mein großes Thema, Ausbildung von lernbehinderten Jugendlichen, werde ich weiter verfolgen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir einen festen Sozialarbeiter wünschen. Denn manche meiner Mitarbeiter tragen ein ganz schönes Päckchen mit sich herum, das ich im Arbeitsalltag nicht ausreichend berücksichtigen kann.

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Haben Sie Fragen zum Beratungsangebot?

Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: Telefon: 030 / 98 30 51 49 E-Mail: info@startbox-berlin.de

Autor: Nadja Bungard

Ich begleite Unternehmen und Gründer dabei, ihr Business bekannter zu machen. Sie profitieren dabei von meinen Erfahrungen als Journalistin, PR-Beraterin und Online-Marketing-Managerin, also online und offline.

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