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Von der Idee zum Geschäftsmodell: Backflasch

(c) Backflasch

Sylvie Assig meint: „Jedem Platz sein Plätzchen“. Seit 2012 bietet sie für 10 verschiedene Plätze in Berlin die passende Backmischung kunstvoll im Glas geschichtet an – ein perfektes Geschenk für Backfreunde und Berlin-Begeisterte. Heraus kommen dann „Plätzchen der Luftbrücke“, „Potsdamer Plätzchen“ oder „Oberbäumchen“.

Ihre Firma Backflasch stellt die Zutaten in Handarbeit und mit Unterstützung der Lichtenberger Werkstatt für Behinderte gGmbH zusammen.

Zu haben sind die Backflaschen im Onlineshop sowie auf verschiedenen Berliner Märkten und in einigen Berliner Läden. Wir haben uns mit Sylvie unterhalten, wie sie aus ihrer Idee ein Geschäftsmodell entwickelt hat. Zum Gespräch gab es fertige, frisch gebackene Plätzchen. Lecker!

Wie bist Du auf die Idee mit den Backflaschen gekommen?

Ich bin kulturinteressiert und backe gern und die Idee mit den geschichteten Backmischungen hat mir gefallen. Gleichzeitig dachte ich immer: Da fehlt noch etwas, das hat Potential. Als ich für eine Geburtstagsfeier ein Geschenk brauchte und wenig mehr als Haferflocken und Rosinen zu Hause fand, musste ich improvisieren. Die Feier fand am „Platz der Luftbrücke“ statt, wo früher die Rosinenbomber landeten. So entstand die erste Backmischung „Plätzchen der Luftbrücke“ mit viel Rosinen, geschichtet in einem Würstchenglas. Das kam so gut an, dass mich die Idee, mehr daraus zu machen, nicht mehr losließ.

(c) Foto: Oliver Doll

Die Motivation zur Unternehmensgründung ergab sich aus verschiedenen Überlegungen. Ich bin studierte Kunstwissenschaftlerin und habe dann noch einen Abschluss in „Deutsch als Fremdsprache“ gemacht. Als Deutschlehrerin gebe ich Kurse für das Goethe-Institut in Berlin. Da ich nicht das ganze Jahr über Kurse habe, wollte ich die freie Zeit nutzen, um kreativ und in Eigenverantwortung selbst etwas auf die Beine zu stellen. Hinzu kam, dass ich in meinen Deutschkursen immer auf der Suche nach Möglichkeiten bin, Sprache und Informationen zu visualisieren und Dinge zu assoziieren.

Das Wortspiel ‚Platz – Plätzchen‘ inspirierte mich – der ‚Missing Link‘ für die Gläser mit den Backmischungen. Es entstand die Idee, dass die Zutaten in den Schichtgläsern nicht zufällig sind, sondern dem speziellen Ort gerecht werden. Das war im Mai 2012. Im Sommer gründete ich meine Firma Backflasch und im September 2012 waren die ersten 5 Backmischungen fertig.

Das war gar nicht immer so leicht. Für die Alexanderplätzchen musste ich ziemlich lange überlegen. Das Alexanderplätzchen ist zum Beispiel ein Ost-Plätzchen. Im „Osten“, also in der ehemaligen DDR, gab es nie Mangel an Kokos, dafür immer an Südfrüchten wie Bananen. Bananen passten jedoch nicht in die Backmischung. Also wurde es die Orange. Sie steht für alles, was im Osten schwer zu bekommen war. Im Alexanderplätzchen kommt jetzt zusammen, was zusammengehört: Das, was es dank der sozialistischen Beziehungen gab und das, wofür man lange anstehen musste.

(c) Foto Oliver Doll

Jede Backmischung hat ihre eigene Geschichte. Das hat mir gut gefallen und ich bin lustvoll und mit ungeheurer Anfangsenergie gestartet. Viele kreative Köpfe aus meinem Freundeskreis haben mich dabei unterstützt. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet, hätte ich mir das mit dem Gründen noch einmal überlegt. Am wichtigsten ist, dass man nicht locker lässt und immer am Ball bleibt.

Welche Schritte waren nötig, um Deine Idee umzusetzen?

Das waren viele. Zuerst habe ich oft mit meiner Grafikerin zusammen gesessen, die das Design entwickelte. Ich musste den Namen finden, das Logo, Ideen sammeln für das Etikett und so weiter. Passende Gläser mussten gefunden und Rezepte entwickelt werden. Das waren alles neue Themen!

Das wichtigste war eine Vision zu entwickeln, eine Vorstellung davon, wo es hingehen soll. Das läuft dann ab wie ein Film und ich kann bei jeder Entscheidung prüfen, wie es sich anfühlt: Passt es oder eben nicht? Ich bin da ziemlich klar und kompromisslos. Denn es gibt so viele halbgare Produkte. Das wollte ich nicht. Ich wollte ein stimmiges und anspruchsvolles Produkt entwickeln. Es erfordert Mut zu sagen, dass Details wichtig sind, auch wenn andere sagen: Das sieht keiner. An den Backflaschen gibt es viele Details:

  • Das Glas ist ein traditionelles Spargel-Einweckglas.
  • Es gibt drei verschiedene detailverliebte Aufkleber,
  • farbiger Stoff mit dem Logo-Stempel und
  • Papp-Anhänger mit der Information zum Platz in 3 Sprachen sowie
  • die Backanleitung.

Kaum etwas davon ist zufällig so, wie es ist. Hinter jeder Entscheidung – Farbe, Form, Format, Position ect. -standen konzeptionelle Überlegungen.

Der Vertrieb ist auch ein ganz eigenes Thema. Wir stehen viel auf Märkten, vor allem auf Weihnachtsmärkten. Denn Backmischungen werden am liebsten in den kälteren Jahreszeiten gekauft, um Plätzchen zu backen oder eben als Geschenk. Wir verkaufen über unseren Onlineshop sowie über einige Läden wie „Dussmann“ oder „Fachfrau“.

Was lief anders als geplant?

Was sich als Wissenschaft für sich erwies, war das Zusammenstellen und Befüllen der Gläser. Denn die einzelnen Zutaten sollten ja auch noch nach dem Transport, vor allem nach dem Versand per Post, in Schichten im Glas liegen und nicht durcheinander gemischt sein. Das war überraschend schwierig!

Auch die Koordination der Aufgaben im Unternehmen ist eine Herausforderung. Die Produktion ist Handarbeit. Jede Flasche hat so viele kleine Anteile, dass die Produktion nicht weiter geht, wenn etwas fehlt. Für die Beschaffung bin ich verantwortlich. Das Schneiden und Stempeln der Deckchen für die Flaschen sowie das Anknüpfen des Fadens mit den Info-Kärtchen habe ich an die Lichtenberger Werkstatt für Behinderte abgegeben. Das klappt sehr gut. Inzwischen habe ich 3 bis 4 Honorarkräfte für die Produktion. Mit anderen teile ich mir den Verkauf auf den Märkten. Manchmal ist das alles echt viel.

Was hat gut funktioniert?

Es war eine gute Entscheidung, auf die Märkte zu gehen und das Produkt zu erklären. Es ist schön, mit den Leuten über das Produkt zu reden und ihre Reaktionen zu erleben.
Die Kunden kaufen den Moment, die Atmosphäre auf dem Markt, das Aha-Erlebnis. Es ist ein Gefühl von Bekommen, weil es eine Geschichte zum Produkt gibt und es Wissen transportiert.

Überhaupt war die Medienresonanz verblüffend! Das rbb-Fernsehen hat 2013 einen Beitrag über Backflasch gemacht, Zeitungsartikel und Radiobeiträge folgten.

Wo hättest Du Dir mehr Hilfe gewünscht?

Ich bin jemand, der sich selber hilft. Als notgedrungener Freiberufler gab es für mich keine finanzielle Unterstützung. Ein Kredit von einer Bank kam nicht infrage, weil ich meine Idee ohne Druck entwickeln wollte. Den brauchte ich auch nicht für Backflasch. Mit 2.000 Euro aus der Privatkasse habe ich sehr klein angefangen und Stück für Stück das Geschäft ausgebaut. Inzwischen teile ich mir mit einer anderen Unternehmerin die Backstube in Berlin-Friedrichshain.

Was mir geholfen hat, waren Veranstaltungen und Feedback in der .garage berlin. Ich habe da Gründer getroffen, die ähnliche Fragen und Probleme hatten wie ich. Der Austausch darüber und die Tipps von den anderen waren sehr hilfreich – neben der Unterstützung durch meine Familie und Freunde!

Was hat Dich motiviert?

Ich wusste, dass meine Idee gut und machbar war: mein Baby! Im Prinzip war ich wie eine alleinerziehende Mutter. Hinzu kam eine gewisse Portion Sturheit und Eigenwilligkeit. Dass ich einmal Unternehmerin werde, hätte ich nie gedacht. Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Aber hier musste ich einfach dranbleiben und sehen, ob das funktioniert!
Und dann hat mich angetrieben, dass es noch so viel zu tun gibt!

Was würdest Du heute anders machen?

Ich würde selbstbewusster rausgehen. Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob andere das Produkt auch so toll finden wie ich. Ich hatte Angst davor, eine Watsche zu bekommen. Es hat mich beim Vertrieb enorme Überwindung gekostet, in einen Laden zu gehen und zu fragen, ob sie Backflasch auch mit verkaufen wollen.

Ich würde heute mehr über das Produkt oder die Geschäftsidee reden. Damals hatte ich große Angst, dass mir jemand die Idee klaut. Das ist nicht unberechtigt, denn es gibt 1.000 Konkurrenzprodukte, aber keines hat diesen historischen Bezug.

Und ich hätte den Mut haben sollen, den anderen Job herunterzufahren, um mich mehr auf mein Unternehmen zu fokussieren. Andererseits unterrichte ich gern und ich brauche diese andere Tätigkeit, um wieder auf neue Ideen zu kommen.

Mein Glück war, einen so guten Freundeskreis zu haben, der mich viel unterstützt hat.

Hat Dich das Unternehmerinnen-Sein verändert?

Ich habe mich als Unternehmerin verändert. Zum einen bin ich effektiver geworden, aber auch strenger. Hier muss man aufpassen, dass man das Verspielte nicht verliert und sich vom Alltagsbusiness gefangen nehmen lässt. Ich bin mutiger geworden, habe mehr Sicherheit gewonnen und ein dickeres Fell bekommen. Das kann nicht schaden.

Wie geht’s weiter, was ist der nächste Schritt?

Im Moment bin ich ziemlich geschafft. Außer Arbeit gab es in den letzten Jahren nicht viel mehr. Inzwischen bin ich so weit, dass ich mein „Baby“ Schritt für Schritt loslassen könnte und mich neuen Herausforderungen widme.

Ich möchte gern wieder mehr Freizeit erfahren. In meiner Schublade liegen viele Ideen, doch möchte ich die nicht allein umsetzen. Ein Geschäftspartner oder -partnerin wäre großartig.

Was würdest Du anderen Gründern mit auf den Weg geben?

Es ist wichtig an der eigenen Idee festzuhalten und sich nicht verunsichern zu lassen. Wenn man weiß, wo es langgehen soll, muss man eins nach dem anderen tun und nicht jeden Rat annehmen, sondern lieber dem eigenen Bauchgefühl vertrauen. Als Gründer braucht man eine gewisse Portion Kompromisslosigkeit.

Sei anspruchsvoll! Es ist dem Kunden zuzumuten, nicht alles auf den ersten Blick zu verstehen. Wenn es sich für ihn lohnt, ist es ihm auch zuzumuten, sich etwas Zeit zu nehmen und sich mit dem Produkt zu beschäftigen.

 
 
 


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Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: Telefon: 030 / 98 30 51 49 E-Mail: info@startbox-berlin.de

Autor: Nadja Bungard

Ich begleite Unternehmen und Gründer dabei, ihr Business bekannter zu machen. Sie profitieren dabei von meinen Erfahrungen als Journalistin, PR-Beraterin und Online-Marketing-Managerin, also online und offline.

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